Bischof Manfred Scheuer zum Tod von Papst Benedikt XVI.


Pressemitteilung der Katholischen Kirche in Oberösterreich

Die Reaktionen auf die Wahl von Joseph Cardinal Ratzinger im Jahr 2005 zum Papst waren unterschiedlich und spannungsgeladen: Freude und Dankbarkeit bei den einen, die ihn als faszinierenden Prediger und Theologen kannten. Seine „Einführung ins Christentum“, geschrieben 1969, regt immer noch an, gibt wichtige Impulse. Sicher, er war auch Reibebaum von vielen, gerade im deutschsprachigen Raum. Die Schwierigkeiten mit der Kirche und auch die Widersprüche gegen die Kirche haben sich mehr an ihm, dem Präfekten der Glaubenskongregation, entzündet als an seinem Vorgänger, Papst Johannes Paul II. Bei seinen ersten Worten nach seiner Wahl zum Bischof von Rom hat Benedikt XVI. sich selbst als „einfachen und demütigen Mitarbeiter im Weinberg des Herrn verstanden, als „Mitarbeiter der Wahrheit“ und als „Mitarbeiter der Freude“: „Die Welt lebt davon, dass es in ihr die Freude gibt, dass sie nicht erstickt im düsteren Ernst der Ideologien.“ So habe ich als Schüler vor fast fünfzig Jahren beim damaligen Theologen Joseph Ratzinger gelesen. Darum ging es letztlich auch, wenn Joseph Ratzinger bzw. Benedikt XVI. die Schönheit der Liturgie in den Vordergrund rückte. Eine Reduktion von Religion auf Moral war ihm zuwider. Glaube und Sakramente lassen sich nicht auf asketische Peitschenknallerei oder auf ethische bzw. politische Kommandos reduzieren. Leben in der Spur Jesu ist nicht primär Vergatterung oder Befehl, sondern Geschenk. Benedikt XVI. hat es zustande gebracht acht Jahre (fast) nicht von der kirchlichen Sexualmoral zu sprechen. In „Deus caritas est“ geht es auch nicht gleich und nicht nur um Mutter Teresa, um die selbstlose christliche Nächstenliebe. Der erste Teil geht von der erotischen Liebe aus. Gegenpol des Papstes ist Nietzsche, den er auch zitiert. Die Enzyklika ist letztlich auch eine Entgegnung auf Nietzsches Vorwurf der Leib- und Lebensfeindlichkeit des Christentums. In seinem nachsynodalen apostolischen Schreiben „Sacramentum caritatis“ über die Eucharistie, Quelle und Höhepunkt von Leben und Sendung der Kirche will er die Verbindung zwischen eucharistischem Geheimnis, liturgischer Handlung und dem aus der Eucharistie entspringenden neuen geistlichen Dienst als dem Sakrament der Nächstenliebe vertiefen.

Es ist ein bleibendes Verdienst von Papst Benedikt XVI., „im polyphonen Stimmengewirr immer wieder an das unterscheidend Christliche erinnert zu haben“. (Jan Heiner Tück) Der em. Papst hat das Proprium des christlichen Glaubens dargelegt und für die heutige Zeit erschlossen. Dessen zentrale Kernaussage lautet: „Gott ist die Liebe“. Ein zentrales Anliegen dieses Papstes war es, die Sorge über das „Verblassen des Gottesglaubens“ und damit über das Erodieren der „moralischen Grundlage der Gesellschaft“ gerade in Europa zum Ausdruck zu bringen. Benedikt XVI. hat „Glaube und Vernunft“ gegenüber einem verengenden Naturalismus, der „den Glauben aus dem Kosmos der Vernunft ausschließt“ und gegenüber einem gewaltbereiten Fundamentalismus, der „das Korrektiv der Vernunft in Fragen der Religion ausschaltet“, vermittelt. Allerdings sei die Verwendung eines Zitats, das dem Islam ein ungeklärtes Verhältnis zur Gewalt unterstellt, ein „religionspolitischer Fauxpas“ gewesen, der erst später durch Dialog-Initiativen des Vatikans „abgefedert und ins Positive gewendet“ werden konnte. Benedikt XVI. hat mit dem Treffen in Assisi gemeinsam mit Vertretern anderer Religionen, aber auch mit Agnostikern und Atheisten ein sichtbares Zeichen für Frieden und Gerechtigkeit in einer globalisierten Welt gesetzt. Im Rückblick fatal war in der Zeit seines Petrusdienstes der Versuch einer Annäherung an die Piusbruderschaft mit der Affäre Williamson.

Religionen und Kirchen neigten dazu, „die sakrale Dimension des Lebens unter ihre Kontrolle bringen zu wollen, um damit eigene Machtansprüche abzusichern“, analysierte Kurt Appel. Benedikt XVI. hat gesehen, dass sich dieses Problem im Lichte des Evangeliums noch einmal verschärfe. Ihm hätten jedoch die Kräfte gefehlt, um in seiner Amtszeit jene tiefgreifende Reform durchzuführen, „die insbesondere den Verzicht vieler liebgewordener Machtsymbole einschließt“. Benedikt XVI. hat radikal auf Macht verzichtet, indem er zurückgetreten ist im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Und mehr noch machte er durch seinen Rücktritt deutlich, dass auch hinter dem Papst mit seiner Machtfülle zunächst ein Bischof, ein Christ, ein Mensch steht, in aller Verletzlichkeit und Schwäche, aus welcher die Würde des Lebens erwächst.

Ich bin dem Theologen und Kardinal Ratzinger mehrfach mit Studentengruppen begegnet, er hat mich auch im Oktober 2003 auf die Aufgabe in Innsbruck „vorbereitet“. Persönlich gesprochen habe ich u. a. beim „Ad Limina“-Besuch 2005, bei einem Mittagessen im Rahmen seines Sommerurlaubs im Jahre 2008 oder kurz bei Audienzen. Bei Begegnungen mit Joseph Kardinal Ratzinger bzw. Papst Benedikt XVI. fragte dieser fast immer: Wie geht’s Bischof Stecher? Was macht Bischof Stecher? Und auch die Jesuiten in Innsbruck haben ihn interessiert. Über die theologische Fakultät in Innsbruck war er sehr gut informiert.

Zuletzt bin ich dem emeritierten Papst Benedikt im September 2017 persönlich begegnet. Er war wie immer gut informiert über die Kirche in Österreich und hat nachgefragt zu Innsbruck und zu Linz. Es war damals die lange Vakanz in Innsbruck. Zu diesen Vorgängen meiner Nachfolge meinte er: Dafür wird man sich auch noch einmal entschuldigen müssen. Und zu Linz: „Bischof von Linz zu sein ist ja auch ein Martyrium.“

Ich hoffe sehr, dass manche, die sich von ihm verletzt fühlten, verzeihen können und eine versöhnte Beziehung finden. Ich bin sicher, dass er denen verzeiht, die ihm Unrecht getan haben. Über Kontroversen zu „Unsterblichkeit der Seele“ und/oder „Auferstehung des Leibes“ wird er jetzt souverän (auch über sich selbst) lächeln. R.I.P.

Manfred Scheuer
Bischof von Linz
Bischof von Innsbruck 2003–2016

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